Skip to main content

Rede von Jeremy Steinberger, Ur-Ur-Enkel des Wehrheimers Helmut Steinberger anlässlich der Mahnwache am 09.11.2025 in der Wehrheimer Mitte

Als ich ein Kind war, hörte ich Deutsch eigentlich nur einmal im Jahr – wenn meine Urgroßmutter, meine Omama, mich an meinem Geburtstag anrief.
Sie sang „Happy Birthday“ auf Englisch, aber mit einem so tiefen österreichisch-deutschen Akzent, dass es für meine Geschwister und mich klang, als würden wir die deutsche Nationalhymne hören.

Wir lachten so sehr, dass wir kaum darüber nachdachten, warum
sie so anders klang als unsere Eltern.
Und als ich aufwuchs, fühlte sich Deutschland für mich so fern an wie jedes
andere europäische Land.
Mein deutscher Großvater und ich verbanden uns über amerikanische Dinge – wie die Green Bay Packers und die New York Yankees.
Aber das änderte sich, als mein Vater 2012 das erste Mal nach Wehrheim kam.
Er und meine Mutter hatten ursprünglich nur geplant, für ein Arbeitstreffen
nach Frankfurt zu reisen, aber als er merkte, wie nah er an der Stadt war, in der sein Großvater Helmut geboren wurde, traf er die spontane Entscheidung, hierher zu kommen.

Der Zug – wie ich lernte, ist das hier ganz normal – fuhr an diesem Tag nicht,
so musste er einen anderen Weg finden.
Als er ankam, stand er im Zentrum des Ortes, ohne Orientierung und ohne zu wissen,
was er als Nächstes tun sollte.
Er sah ein paar Einheimische in der Nähe des Rathauses und fragte,
ob sie wüssten, wo der jüdische Friedhof sei.
Sie sagten ja, aber als sie ihn dorthin führten, sah er Kreuze auf allen Grabsteinen und wusste, dass es der falsche Ort war.
Also wanderte er weiter, bis er an dem Ort stand, an dem wir heute Nachmittag für den Vortrag über die jüdische Bestattungskultur standen.

Zum ersten Mal war er von seinen Vorfahren umgeben.
Ich war nicht dabei, aber ich merkte, wie wichtig es für ihn gewesen war –
daran, wie er den Sommer über immer wieder davon erzählte, jedes Mal, wenn wir Leute, Familie oder Freunde, zum Abendessen trafen.

Ich war damals jung und wusste nicht recht, wie ich das einordnen sollte – außer, dass ich eben ein weiterer Amerikaner mit europäischen Wurzeln war.

Ich wusste damals noch nicht, wie viel tiefer es gehen wird – für ihn und für uns, die Steinbergers. Ich wusste nicht, dass mein Urgroßvater Helmut in einem Konzentrationslager inhaftiert gewesen war.
Ich wusste nicht, dass meine Omama ihn nicht wiedererkannte, als er nach seiner Entlassung an ihrer Tür klingelte.

Ich wusste nicht, dass er nie wieder derselbe Mensch wurde.
Ich verstand nicht den Schmerz der Isolation, den meine Omama in sich trug, weil sie für den Rest ihres Lebens weit weg von ihrer Heimat lebte.
Ich hatte die Fotos unserer deutschen Vorfahren, wie sie hier in Wehrheim glücklich lächelten, noch nicht gesehen – nicht in Wisconsin oder Kalifornien, wo wir seitdem unser Zuhause gefunden haben.

Plötzlich erschien mir ihr Akzent nicht mehr fremd.

Dann, 2016, wurde Donald Trump Präsident der Vereinigten Staaten.
Mein Vater, in der Sorge, dass unser Land in den Faschismus abgleiten könnte, beschloss, dass es an der Zeit war, einen weiteren Pass zu beantragen.
Er erinnerte sich an seinen Besuch in Wehrheim und schrieb an den Geschichtsverein, um nach Dokumenten unserer Familie zu suchen, die unseren Anspruch auf die deutsche Staatsbürgerschaft belegen könnten.

So lernte er Susanne (Kolass) kennen – die inzwischen für mich wie Familie geworden ist.
In vielerlei Hinsicht ist sie der Grund, warum ich heute hier stehe.
Susanne und das Team des Geschichtsvereins – Michaela (Reese), Stefan (Velte) und andere – hatten unermüdlich die jüdische Geschichte Wehrheims erforscht und archiviert.

Wir stellten bald fest, dass sie mehr über unsere Familie wussten als wir selbst.
Genug, um zu beweisen, dass wir Anspruch auf die Staatsbürgerschaft hatten – und 2021 wurden wir deutsche Staatsbürger.

2023 besuchte ich Wehrheim zum ersten Mal mit meinen Eltern.
Ich erinnere mich noch, wie süß die Erdbeeren waren, während wir um einen Tisch saßen und Susanne und Michaela uns Fotos unserer Vorfahren zeigten – Bilder, die wir zuvor nie gesehen hatten.
Sie führten uns zu dem Haus, in dem Helmut und seine Eltern und Geschwister lebten, zu dem Laden der Familie Hirsch und Steinberger und zur Synagoge.
Es war unglaublich – und überwältigend.
Ich wusste, dass ich zurückkommen musste.

Letztes Jahr entschied ich mich, nach Deutschland zu ziehen, um in die Geschichte meiner Familie tiefer einzutauchen, um sie durch Erzählen zu erforschen.
Während ich sah, wie die Orte, die ich Heimat nannte, in den Feuern von Los Angeles brannten und wie überall auf der Welt Kriege ausbrachen, verspürte ich eine dringende Notwendigkeit, zurückzuschauen, um vorwärts handeln zu können – die Vergangenheit zu deuten, um der Gegenwart zu begegnen.

Ich erinnere mich an den Moment, in dem ich mit meinem Vater zum ersten Mal auf dem jüdischen Friedhof hier stand.
Er sagte zu mir: „Wenn wir vergessen, kann es wieder passieren.“
Das hört man oft, wenn man jüdisch aufwächst, aber es traf mich anders, als wir an den Gräbern unserer Vorfahren standen, in dem Dorf, aus dem sie fliehen mussten.

Und das bringt mich zu diesem Denkmal.
Ich bin zutiefst dankbar, hier zu sein – dort zu stehen, wo einst meine Vorfahren standen, und zu sehen, wie viel Sorgfalt in ihre Erinnerung geflossen ist.
Es bedeutet mir mehr, als ich ausdrücken kann.

Die Rückkehr nach Deutschland hat mich nicht nur mit meinen Wurzeln verbunden, sondern auch mit den Umständen, die sie zerstört haben.
Und wenn ich an den Akzent meiner Omama zurückdenke – den Klang, der mich früher zum Lachen brachte –, verstehe ich ihn heute anders.

Er trägt nicht nur die Erinnerung an Verlust, sondern das Echo von Widerstandskraft – die Brücke zwischen jener Vergangenheit und der Verantwortung, die ich heute empfinde.

Und während ich den generationenübergreifenden Schmerz der Vertreibung in mir trage, stelle ich mir dieselbe Frage, die viele jüdische Menschen quält:
Was machen wir mit dem Schmerz unserer Vorfahren?

Wir können ihn in Angst verwandeln, in Nationalismus, in Liebe zur Macht, die sich als Sicherheit verkleidet.

Oder wir können ihn verwandeln – in Solidarität, in Mitgefühl, in Verantwortung.
In der jüdischen Tradition ist das Ehren der Toten nur der Anfang.
Tikkun olam – die Welt zu heilen – ist die Aufgabe, die auf die Trauer folgt.
Es reicht nicht aus, zu erinnern und auf Erlösung oder Rettung zu hoffen; wir haben die Pflicht, die Welt zu reparieren, so chaotisch wie sie heute ist.

Dieses Symbol ist in diesen Zeiten wichtiger denn je.

Aber wenn „Nie wieder“ etwas bedeuten soll, dann darf es nicht selektiv sein.
Es bedeutet, unsere vergangenen Leiden nicht zu einer Waffe zu machen.
Die Geschichte jüdischen Überlebens darf niemals genutzt werden, um das Leid anderer zu rechtfertigen. Doch heute wird die Erinnerung an unser kollektives Trauma viel zu oft benutzt, um neue Formen der Unterdrückung zu entschuldigen – insbesondere die anhaltende Unterdrückung der Palästinenser.
Wenn „Nie wieder“ irgendeine Bedeutung haben soll, muss es universell gelten – für jene, die heute von Völkermord und Massengewalt bedroht sind, von Palästina bis Sudan und darüber hinaus.

Wenn wir also hier stehen und gedenken – und wenn ich hier stehe in tiefer Dankbarkeit für die Arbeit, die dieser Ort geleistet hat –, dann hoffe ich, dass dieses Denkmal nicht nur ein Symbol der Vergangenheit Wehrheims ist, sondern eine lebendige Erinnerung:
dass die Würde des Lebens keine Lehre der Geschichte ist, sondern eine Forderung der Gegenwart.

Danke.

 

Die Rede als PDF 

The speech as PDF on english